2020 Februar 06

Interviews

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Tobias Kollmann: Wege aus der digitalen „Greta-Falle“

von Barbara Boesmiller

Econ-Referent Tobias Kollmann während eines Vortrags.

Nachhaltigkeit und digitale Technik – für viele von uns gehört das ganz selbstverständlich zusammen. Der ökologische Fußabdruck der Digitalisierung ist allerdings nicht zu unterschätzen und wirft beim Thema „nachhaltig Leben“ ganz neue Fragen auf. Wir haben mit Prof. Dr. Tobias Kollmann gesprochen, einem unserer Experten für digitale Transformation.

Tobias Kollmann, in Ihrem neuen Vortrag geht es um die „digitale Greta-Falle“ – was ist damit gemeint?

Laut einer Studie des französischen Think-Tanks The Shift Project erzeugt die Digitalbranche etwa doppelt so hohe CO2-Emissionen wie der gesamte Flugverkehr. Das sind knapp vier Prozent des weltweiten Ausstoßes. Und die Tendenz ist stark steigend.

Trotzdem fordern die Kids bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen eher Maßnahmen gegen alte Technologien wie Dieselautos und Kohlekraftwerke.

Das Abschalten von Streaming-Plattformen wie Netflix & Co.  – mit Blick auf deren enormen Stromverbrauch – oder der Verzicht auf das eigene Handy  – bei dem viele seltene Erden als Rohstoffe eingesetzt werden, die weder CO2-konform noch in vielen Fällen fair produziert werden –  wird dagegen nicht gefordert.

Damit befinden sich die Digitalbranche und die zugehörige Generation in einer Situation, die ich die „Greta-Falle“ nenne.

Ohne die Digitalisierung ist insbesondere die Energiewende aber nicht zu schaffen. Überwiegen also dennoch die Vorteile? Oder ist es ein Nullsummenspiel?

Im Jahr 2025 wird die Digitalbranche mehr Treibhausgase erzeugen als der gesamte weltweite Kfz-Verkehr. Allein beim Trainieren einer Künstlichen Intelligenz zur Spracherkennung fällt fünfmal soviel CO2 an, wie ein Auto während seiner gesamten Lebensdauer ausstößt. Das haben Forscher der University of Massachusetts berechnet. Die Digitalbranche wird also zu einem Umweltproblem.

Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Digitalisierung einer der Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Energiewende ist. Autonome Smart Grids, intelligentes Lastmanagement, Prognosemodelle und grüne Energie auf Basis von digitalen Tokens: Die Energiewende ist auch eine Digitalwende. Hinzu kommen viele Start-ups, die mit Green Tech versuchen, den Lebensraum Erde nachhaltig zu verbessern.

Wir müssen also dafür sorgen, dass sich diese Effekte ausgleichen! Wir brauchen eine neutrale Klimabilanz im Gesamtkontext der Digitalisierung!

Anke Domscheit-Berg hat kürzlich gesagt, mehr Datenschutz im Netz sei gleichzeitig mehr Klimaschutz: Je weniger Daten gesammelt werden, desto weniger Rechenkapazität ist nötig. Wäre das auch Ihr Ansatz?

Das sehe ich komplett anders! Warum? Weil Daten eben nicht nur die Grundlage digitaler Geschäftsmodelle sind. Sie sind auch nötig, um drei zentrale gesellschaftliche Probleme zu lösen: Den Umgang mit Ressourcen, Ökologie und Gesundheit.

Damit stellen sich für mich drei Fragen in Bezug auf die Digitalisierung und den Umgang mit Daten :

  • Wie nutzen wir beides, um unsere menschlichen und organisatorischen, die physischen, finanziellen und technologischen Ressourcen optimal weiterzuentwickeln und damit den gesellschaftlichen Wohlstand für alle zu erhalten und weiter auszubauen?
  • Wie nutzen wir beides, um unseren Lebensraum zu sichern und noch lebenswerter zu machen – und gleichzeitig die zentralen Fragen zu Klimakrise, Naturerhalt, Energiewende und Mobilität zu beantworten?
  • Wie nutzen wir beides, um unsere Lebenserwartung und -qualität zu steigern und unser Gesundheitssystem so zu verbessern, dass Vorbeugung und medizinische Versorgung für alle eine Selbstverständlichkeit werden oder bleiben?

Wir sollten daher auch mal die positive Verwendung von Daten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene diskutieren und das Thema nicht nur negativ betrachten im Sinne von kollektiver Datenvermeidung.

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