2013 Mai 16

Interviews

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Christian Gansch und 200 Jahre Richard Wagner: Sinnlichkeit und Herausforderung

von Barbara Boesmiller

Ausstellungen, Konzertreihen, unzählige Artikel, Kommentare und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt: So viel Aufmerksamkeit um seine Person hätte dem als Egomanen verschrienen Richard Wagner sicher gefallen. Das schreibt der Focus zum Wagnerjahr 2013, in dem an den 200. Geburtstag des berühmten und umstrittenen Komponisten erinnert wird.

Diesem treffenden Satz über Wagner ist eigentlich nichts hinzuzufügen – außer vielleicht ein Gespräch mit unserem Redner Christian Gansch. Der Dirigent, Produzent und Consultant hat unter anderem mit dem renommierten BBC-Orchester und dem Symphonie-Orchester der Stadt Birmingham Wagner-Opern dirigiert. Und er hält regelmäßig in Bayreuth Vorträge für Förderer der Wagner-Festspiele.

Christian Gansch, wie ist ihr ganz persönliches Verhältnis zu Wagners Musik, als Dirigent und als Musikliebhaber? 

Wagners Musik ist für mich als Hörer seit jeher die unmittelbare Sinnlichkeit schlechthin, die in einem betörend dramatischen Gewand zu einem spricht. Als Dirigent stellen seine Partituren eine Herausforderung dar, aufgrund der Komplexität des groß dimensionierten Orchesterapparates, der viele Nuancen ermöglicht: von zärtlichsten Klängen bis hin zu kraftvollen orchestralen Ausbrüchen, die eine klare Struktur benötigen.

Wie erklären Sie sich die Faszination, die Wagners Musik bis heute auf so viele Menschen ausübt? 

Ich denke, viele Menschen fühlen sich in seine Musik geradezu hineingezogen. Seine musikalischen Themen charakterisieren menschliche Handlungen und Gemütszustände, die eine unmittelbar spürbare Relevanz und Gültigkeit bekommen – selbst wenn man sich nicht für die der Musik zugrunde liegenden Sagen und Mythen interessiert, die ohnehin eher Metaphern für das Leben sind und zahlreiche Möglichkeiten der Deutung bieten.

Im Wagnerjahr 2013 wird natürlich auch immer wieder Wagners antisemitisches Gedankengut zum Thema. Viele sagen, man darf, ja man muss den Menschen Wagner von seinem Werk trennen. Geht das?  

Wagners Antisemitismus ist eine problematische Realität, mit dessen Einfluss auf sein Werk sich Künstler und Musikwissenschaftler immer wieder auseinandersetzen müssen. Zugleich sollte man Wagners Geisteshaltung nicht automatisch mit dem Holocaust gleichsetzen, der ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod Deutschland und die Welt ins Unglück stürzte, auch wenn die Nationalsozialisten seine Musik für ihre ideologischen Verblendungen instrumentalisiert haben.

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