2012 Juli 18

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Schiedsrichter rechnen eher mit Bierdosen als mit Applaus

von Sibylle Nottebohm

Pfiffig und faktenreich war der Vortrag von Vizeweltschiedsrichter Herbert Fandel, den ich gestern abend hören durfte: Das Managen eines Geschäfts um Sieg und Niederlage, bei dem es um Millionen Euro geht und das alle auf der Welt interessiert, wird Samstag für Samstag einem Amateur anvertraut. Und dieser trifft dann in den Augen vieler eine Fehlentscheidung nach der anderen… Im besten Fall will nach dem Spiel keiner etwas von ihm, bei schlechter Leistung aber ist er Zielscheibe von Spielern, Trainern, Funktionären, Publikum und Medien – sowie leeren Bierdosen, meint Fandel augenzwinkernd.

Er vergleicht die 90 Minuten eines Spiels mit einer Firma, deren Mitarbeiter er führen soll. Seine ca. 200 Entscheidungen pro Spiel müssen in Sekundenbruchteilen fallen, er kann nicht auf das Meeting in der nächsten Woche vertagen. Nur 5 % der Entscheidungen basieren allein auf den FIFA-Regeln, die restlichen 95 % erfordern Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Führungsfähigkeit. Oft ist nicht die Entscheidung selbst das Problem, sondern der Weg dorthin.

Die Viererkette der Führungsfähigkeit lautet für Herbert Fandel: Grundkompetenz, Erfahrung (gepaart mit der Bereitschaft, auch Kritik zu vertragen), eine starke und authentische Persönlichkeit sowie Akzeptanz bei Spielern und Publikum. Wichtig ist auch, Fehler zuzugeben, Entscheidungen  zu revidieren und immer wieder moderne Aspekte seines Faches dazu zu lernen.

Mit einer guten Portion Selbstironie erläutert Fandel diese Kompetenzen anhand der wichtigsten Spiele seiner 30jährigen Karriere. Mit seinen Beispielen sorgt er immer wieder für Heiterkeit bei den Zuhörern. Aber ich spüre auch, wie gerne und ernsthaft er seine Aufgaben erfüllte.  In Übertragung auf die Anforderungen eines Managers sei die Führungsaufgabe im Fußball eine Leidenschaft  und nichts für „Weicheier“, so Fandel abschließend, bevor er nach langem Applaus geduldig noch viele Fragen der faszinierten Zuhörer beantwortet.

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