2012 Juni 06

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Venus, grüß mir die Sonne

von Barbara Boesmiller

Die Sonne im Licht einer Wasserstofflinie. Die Aufnahme entstand beim letzten Venustransit am 8.6.2004 mit einem Teleskop des Kiepenheuer-Instituts für Sonnenphysik, an dem Dirk Soltau forscht. Unten rechts sieht man die Venus.

Es ist auch für Experten wie unseren Redner Dirk Soltau ein äußerst seltenes Phänomen, das sich vergangene Nacht am Himmel abgespielt hat: ein Venustransit, also ein Durchgang des Planeten Venus vor der Sonne.

So etwas kommt in einem Zeitraum von 130 Jahren nur ganze zweimal vor. Und was heute einfach ein beeindruckendes Spektakel ist, war für die Astronomen früher eine Art „Heiliger Gral“.

Dirk Soltau, haben Sie sich den Venustransit angeschaut oder kann das einen erfahrenen Astrophysiker wie Sie nicht mehr locken?

Solch ein Himmelsschauspiel lockt mich sehr, zumal ich es beim letzten Mal, am 8. Juni 2004 nicht live sehen konnte: Ich war Gast in einer Radioshow und kommentierte im fensterlosen Studio das Ereignis, indem ich eine Computersimulation betrachtete. Doch dieses Jahr wurde es auch nichts: Ich stand um 6 Uhr auf meiner Terrasse, aber es war bewölkt. Damit habe ich meine Chancen alle verbraucht: Der nächste Venustransit, den man in Deutschland beobachten kann, findet erst am 8. Dezember 2125 statt.

Was genau passiert denn bei einem Venustransit?

Es ist eigentlich das gleiche Prinzip wie bei einer Sonnenfinsternis, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt. Nur in diesem Fall ist es unser Nachbarplanet Venus, der zwischen Erde und Sonne steht. Und zwar sehr genau. Von der Erde aus gesehen muss der Winkel zwischen Sonne und Venus kleiner als 0,25 Grad sein.

Dann wird aus dem strahlend weißen Morgenstern eine kleine schwarze Scheibe, die langsam über die Sonne wandert. Das kann man sogar ohne Teleskop sehen, aber natürlich nur mit der Finsternisbrille oder einem anderen starken Filter. Der Reiz der Sache liegt in der Seltenheit: Seit der Erfindung des Fernrohrs hat es 628 Sonnenfinsternisse gegeben. Aber der Venustransit vergangene Nacht war erst der achte Venustransit seit 1608!

Welche Bedeutung hat oder hatte solch ein Venustransit für die Astronomie?

Heutzutage ist der wissenschaftliche Wert eines Venustransits nicht mehr so hoch: Einige Spezialisten werden Daten über die Venusatmosphäre gewinnen, die ja dann von der Sonne „von hinten“ durchleuchtet wird. Manche Kollegen werden versuchen, das Streulicht in ihren Teleskopen zu messen. Aber die meisten Kollegen werden – wie ich –  das Ereignis als Spektakel genießen wollen und dabei an die Astronomen denken, die bei den Venusdurchgängen 1761 und 1769 buchstäblich Kopf und Kragen riskierten.

Denn es gab eine Zeit, in der war die Beobachtung eines Venustransits so etwas wie der „Heilige Gral“ der Astronomie. Beobachtet man nämlich die Dauer eines Venusdurchgangs an zwei verschiedenen Orten auf der Erde, so kann man daraus den Abstand zwischen Sonne und Erde bestimmen. Dieser Abstand wird „Astronomische Einheit“ genannt. Die Bezeichnung zeigt schon, wie wichtig diese Zahl ist.

Im Jahre 1769 rüsteten verschiedene Nationen Expeditionen aus. Das Ergebnis ist umso genauer, je weiter die Beobachtungsorte auseinander liegen. So gab es Expeditionen in Nordeuropa und im Indischen Ozean, in Afrika und in Südamerika. Sogar Captain James Cooks erste Entdeckungsreise wurde entsprechend geplant. Einige dieser Expeditionen endeten katastrophal, einige waren erfolgreich. Und am Ende stand eine Zahl:

Eine Astronomische Einheit =153,3 Millionen Kilometer

Erst im 20. Jahrhundert konnte mit anderen Methoden die Genauigkeit deutlich verbessert werden. Der aktuelle Wert für den (mittleren) Abstand von Erde und Sonne beträgt demnach genau 149 597 870,691 km.

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