2014 April 03

Interviews

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Tim Cole und 25 Jahre World Wide Web

von Barbara Boesmiller

ECON Redner Tim Cole

Können Sie sich das noch vorstellen, so ganz ohne Internet? Ohne Amazon, Facebook, Google? Auch wer nicht komplett auf e-paper und e-books umgestiegen und bei Amazon Stammgast ist wie ich (ja, ertappt) – missen möchte es doch  keiner mehr. Und dabei wird es 2014 erst frische 25 Jahre alt, das World Wide Web. Einer, der es hat „groß werden“ sehen, ist unser Redner Tim Cole. Wir haben ihn gefragt, wie er die Kindertage des WWW erlebt hat: 

Als Tim Berners-Lee 1989 seinen Vorschlag bei der Leitung des Kernforschungszentrums CERN in Genf einreichte, dauerte es ja noch ein paar Jahre, bis das Web tatsächlich lief. Ich war damals aber schon in diversen so genannten „Bulletin Boards“ unterwegs. Wir surften damals noch im Schneckentempo über Akustikkoppler, in die man einen Telefonhörer legte; wie beim Faxgerät wurden die Daten über akustische Signale hin und her geschickt. Zum ersten Mal im Web war ich erst 1992, da gab es auf der ganzen Welt erst ungefähr 400 Web-Server, und der Web-Browser war noch nicht erfunden. Man gab stattdessen lange Befehlszeilen im UNIX-Code ein und wartete, ob etwas passiert. Aber dann ging alles ganz schnell. Schon 1995 habe ich angefangen, ein „Online-Tagebuch“ zu veröffentlichen, also den allerersten deutschsprachigen Blog – nur hieß er noch nicht so, weil das Wort erst erfunden werden musste.

Man kann sich ja gar nicht mehr vorstellen, wie es damals war ohne Web. Was hat sich aus Ihrer Sicht alles verändert?

Nun, das Web ist ja nicht das einzige, das dieses Jahr Jubiläum hat. Die Simpsons werden heuer 25. Vor 25 Jahren wurde der erste GPS-Navigationssatellit ins All geschossen. 1989 war auch das Jahr, in dem der Game Boy vorgestellt wurde. Ich denke, daran sieht man einerseits, wie lange das alles her ist, und andererseits wie sehr sich die Welt inzwischen verändert hat. In unserem Buch „Digitale Aufklärung“ schreiben Ossi Urchs und ich: „Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert; alles was sich vernetzen lässt, wird vernetzt – und das verändert alles.“  Und es stimmt: Ob in der Kommunikation, in der Nachrichtenverbreitung, der Unterhaltung oder der Arbeitswelt – überall hat die digitale Revolution tiefe Spuren hinterlassen und unser Leben verändert. Und dabei stehen wir erst am Anfang!

 Wissen Sie schon, wie es mit dem WWW weitergeht?

Man muss mit Prognosen sehr, sehr vorsichtig sein. Wer hätte vor fünf Jahren vorhersagen können, dass mehr als 50 Prozent aller Internet-User mit einem mobilen Endgerät, einem Smartphone oder einem Tablet-PC im Web unterwegs sein würden? Facebook war vor sieben, acht Jahren höchstens ein paar Studenten in Harvard bekannt – heute nutzen es weltweit mehr als eine Milliarde Menschen. Ich denke, das Web wird zunehmend die Grenzen zwischen unserer physischen Realität und der virtuellen Realität verschwimmen lassen. Google hat jetzt einen Vertrag mit dem größten Brillenhersteller der Welt geschlossen, um seine Web-Brille „Google Glass“ massenhaft herzustellen.

Wir werden uns zunehmend darauf verlassen, dass wir jederzeit und überall Informationen abrufen, Produkte einkaufen und Unterhaltungsangebote nutzen können, die im Web angeboten werden. Dieses Leben wird schneller verlaufen, weil digitale Medien die Dinge beschleunigen. Wir werden erst lernen müssen, damit umzugehen. Aber mit dem Web ist es im Grunde wie mit dem Mobiltelefon: Die Leute vergessen immer, dass es auch diesen kleinen roten Knopf gibt. Wer sich überfordert fühlt, der kann einfach zwischendurch mal abschalten…

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