2015 September 24

Interviews

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Armin Nassehi zum VWGate: Zuviel Männerduell, zuviel Zentralismus

von Barbara Boesmiller

Econ Redner Nassehi ArminEs ist ein Skandal, der eine gesamte Branche erschüttert. Am Tag vier nach Bekanntwerden der Diesel-Manipulationen von VW in den USA ist der Aktienkurs im Keller, der Vorstandschef ist abgetreten, die internationale Presse kann sich Schadenfreude nicht verkneifen und Branchenexperten wie Econ-Referent Helmut Becker sind ganz einfach sprachlos. Abgesehen von der technischen und juristischen Seite hat der Skandal natürlich vor allem auch eine ethische Dimension. Wir haben darüber mit Econ-Referent Armin Nassehi gesprochen; der Soziologieprofessor beschäftigt sich unter anderem mit Paradoxien komplexer Entscheidungen.

Professor Nassehi, die Manipulationen bei VW hat ja nicht nur ein Mitarbeiter verschuldet,  nicht nur eine Abteilung. Wie kann es sein, dass bei so vielen Beteiligten wirklich niemand den Mut hat, den Mund auf zu machen?

Wir wissen derzeit noch zu wenig, um das wirklich beantworten zu können. Zynisch könnte man ja sagen: Die technische Manipulation ist auch ein Aspekt von Kompetenz und der Potenz von „German Engineering“, also durchaus auch eine Strategie.

Das ist nicht undenkbar. Aber der VW-Konzern ist von seiner Struktur her trotz seiner Größe eine stark zentralistisch orientierte Organisation. Solche Organisationsformen bieten nicht gerade die beste Bedingung für Selbstkritik und Selbstkorrektur.

Jeder deutsche Großkonzern hat inzwischen Compliance-Handbücher, Compliance-Beauftragte und und und… Greifen diese Dinge einfach nicht? Ist der „Korpsgeist“ noch immer zu stark?

„Korpsgeist“ ist eine unmittelbare Folge einer allzu zentralistischen Struktur. Wie alle Regeln sind auch Compliance-Regeln eben nur Regeln, die man kreativ unterlaufen möchte, wenn es geht. Dieser „kreative“ Umgang mit Organisationsregeln ist nichts Besonderes.

Unternehmerische Dummheit

Was hier vorliegt, ist ja nicht unbedingt ein Verstoß gegen Compliance-Regeln, sondern eine unternehmerische Dummheit. Wer Produkte anbietet, deren Etikett etwas Anderes verspricht als das, was drin ist, wird früher oder später auf Märkten abgestraft. Der Betrüger muss immer klüger sein als sein Beobachter – und bei so vielen Beobachtern ist der klügste Betrüger der, der keiner ist.

Und ganz generell: Kann ein Unternehmenschef in solch einer Situation überhaupt richtig entscheiden? Tritt er ab – wie VW-Chef Winterkorn gestern – macht er es sich vielleicht zu leicht. Bleibt er, wirft man ihm vor, am Sessel zu kleben…

Das kommt auf den Fall an. Tragisch an der Geschichte ist immer, dass an solchen falschen unternehmerischen Entscheidungen womöglich Arbeitsplätze hängen – ob der Chef geht oder nicht, ist dagegen eine Petitesse. Man kann die Person auswechseln oder nicht – wichtiger ist es, Strukturen eines Konzerns zu ändern, der noch in den alten fordistischen Zeiten denkt und lebt.

Tempi Passat

Wir erinnern uns doch noch an das lächerliche Männerduell zwischen Piech und Winterkorn – so etwas lenkt schön ab von den Strukturen, die sie autokratisch führen. Folge des Skandals: tempi Passat, sorry, passati.

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