2014 Juli 24

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Dirk Soltau: Galileo zum 450. Eine etwas respektlose Betrachtung eines Monuments

von Barbara Boesmiller

ECON Redner Dirk Soltau

Unser Redner Dirk Soltau ist Astrophysiker und widmet sich vor allem der Erforschung der Magnetfelder auf der Sonne.  Gleichzeitig versteht er es exzellent, wissenschaftliche Erkenntnisse publikumswirksam zu vermitteln – und entdeckt dabei auch so manche Geschichte hinter der Geschichte. Warum beispielsweise der berühmte Galileo Galilei nicht der „Heilige“ war, für den ihn viele halten, erklärt Dirk Soltau augenzwinkernd in einem Gastbeitrag:

Vor 450 Jahren wurde er in Pisa geboren: Galileo Galilei. Oft wird er an den Anfang der modernen Naturwissenschaft gestellt und in einem Atemzug mit Kepler, Newton und Einstein genannt.  Für die meisten ist er das Sinnbild des aufrechten Wissenschaftlers, der die wissenschaftliche Wahrheit tapfer vor der rückständigen römischen Inquisition verteidigte und mit seinem trotzigen „Und sie bewegt sich doch!“ im Angesicht der Folterinstrumente den moralischen Sieg im Kampf gegen Aberglaube und Unvernunft davontrug.

Kratzen am „Monument Galileo“

Galileo ist ein Monument. Und in unserer respektlosen Zeit muss es sich so manches Monument gefallen lassen, dass ein wenig an ihm gekratzt wird. Das Publikum freut sich, wenn den Promis eins ausgewischt werden kann.  Da auch ich mein Publikum erfreuen möchte, muss heute der arme Galileo daran glauben. Glücklicherweise kann er sich ja nicht mehr wehren. Also hier ein kleiner „Shitstorm“ zum Thema Galileo:

  • Zwar behauptete er es den Senatoren Venedigs gegenüber, aber Galileo hat das Fernrohr nicht erfunden. Später erklärte er, es sei ja auch viel schwieriger, eine vorhandene Erfindung zu verbessern, als etwas Neues zu erfinden.
  • Über 10 Jahre war Maria Gamba Galileos Mätresse. Sie gebar ihm drei Kinder, aber sie durfte nicht bei im wohnen und er heiratete sie nie. Am Ende verließ er sie.
  • Galileo entdeckte die vier größten Jupitermonde. Allerdings nur einen Tag früher als der deutsche Astronom Simon Marius aus Gunzenhausen. Marius konnte von Galileos Beobachtung nichts wissen, was Galileo nicht daran hinderte, ihn des Plagiats zu bezichtigen. Um sich am Florentiner Hof der Medici einzuschmeicheln, nannte er sie die „Medici-Sterne“ und gab ihnen die Namen der Medici-Töchter.
  • Auch mit dem Astronomen Christoph Scheiner legte er sich an. Er bestand darauf, dass Scheiner nicht der Entdecker der Sonnenflecken war. Scheiner hatte das aber auch nicht wirklich behauptet. Scheiner musste dann in Galileos Buch lesen, er sei ein „Schwein“ und ein „boshafter Esel“.
  • Die Inquisition machte ihm den Prozess, weil er seine Behauptungen (obwohl er ja Recht hatte) nicht beweisen konnte. Man ging geduldig mit ihm um. Gefoltert wurde er nie. Und den berühmten Satz:  „Und sie bewegt sich doch!“ hat er nie gesagt…

So, das soll reichen. Denn was lehren uns diese peinlichen Beschuldigungen? Nichts, außer dass Galileo auch nur ein Mensch und kein Heiliger war.  Seiner Lebensleistung tut das keinen Abbruch. Er ist und bleibt einer der Türöffner zu unserer modernen wissenschaftlichen Welt. Für ihn stand die objektive Beobachtung im Vordergrund und nicht das Studieren der alten Philosophen, wie es die Scholastiker seiner Zeit vorzogen.

Türöffner zur modernen Wissenschaft

Und Galileo war modern: Er wusste um die Bedeutung der Medien seiner Zeit und schrieb seine Abhandlungen in einem spannenden Stil, so dass ihn (fast) jeder verstand. Sein Italienisch wurde stilprägend und Galileo berühmt.  Kein Mensch ist unfehlbar, und es ist nicht fair, Verdienste gegen Verfehlungen aufzurechnen. Man muss sie nebeneinander stehen lassen.

Also: Herzlichen Glückwunsch zum 450., Galileo Galilei!

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