2013 Juni 11

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Christian Gansch über die Führungskultur in Orchestern und Unternehmen

von Isabel Funke

„Ist es legitim, Orchester mit Unternehmen zu vergleichen?“ Seine Eingangsfrage beantwortete unser Redner Christian Gansch beim Münchner Wissensforum der Süddeutschen Zeitung mit einem entschiedenen Ja. Mehr noch – in seinem Vortrag „Viele Stimmen, ein Ziel – Das Orchester als Erfolgsmodell“ zeigte er, wie viel Unternehmen von der Arbeitsweise von Orchestern lernen können. Schließlich besteht jedes große Orchester aus bis zu 15 Abteilungen (den Instrumenten- und Stimmgruppen) mit ihren jeweiligen Leitern, es gibt einen Betriebsrat, die Marketingabteilung, den Vertrieb – ein Orchester ähnelt in seinem Aufbau also durchaus einem mittelständischen Unternehmen.

Als Liebhaberin der klassischen Musik fand ich den Blick hinter die Kulissen der Orchesterwelt ausgesprochen interessant. Hätten Sie z.B. gewusst, dass in einem Orchester nicht nur der Dirigent das Sagen hat, sondern auch die Leiter der verschiedenen Instrumentengruppen, die während des Konzerts acht bis zehn Musiker führen und während der Proben die musikalischen Absprachen der Musiker untereinander koordinieren?

Christian Gansch verriet viel über die Organisations- und Arbeitsweise von Orchestern, schöpfte dabei aus einem reichen Anekdotenschatz und ließ es nicht an morbidem österreichischen Humor fehlen. Zur Verdeutlichung des Gesagten spielte er immer wieder Ausschnitte aus Orchesterwerken ein. Seiner engagierten Vortragsweise merkte man an, dass ihm das Thema sehr am Herzen liegt und er sich wünscht, dass mehr von der Orchesterkultur Eingang in Unternehmen findet.

Gleich zu Beginn seines Vortrags räumte er mit dem Klischee vom romantischen Künstlerdasein auf. Orchestermusiker sei ein extrem anspruchsvoller und anstrengender Beruf. Das fängt schon mit den knallharten Auswahlverfahren der Orchester an. Aus eigener Erfahrung als Geiger bei den Münchner Philharmonikern weiß Christian Gansch, was es heißt, sich gegen 150-200 Bewerber durchzusetzen, um dann zunächst für ein Jahr ins Orchester aufgenommen zu werden.

Während dieses Probejahrs muss der Nachwuchsmusiker zeigen, ob er sich in das Orchester integrieren kann, ob es ihm also gelingt, sein künstlerisches Ich-Gefühl in ein orchestrales Wir-Gefühl zu verwandeln. Denn bei Orchestern geht es immer um das große Ganze – die Konzertbesucher erwarten schließlich Spitzenleistung.

Gegenseitiger Respekt statt Macht des Stärkeren

Viel lernen können Unternehmen davon, wie Orchester mit dem Thema Change umgehen. Auf Tourneen erwarten die Musiker ständig neue Gegebenheiten. Jeder Konzertsaal hat seine eigene Akustik und erfordert spezifische Spielstrategien: Die Streicher müssen ihre Bogenführung ändern, die Bläser ihre Atemstrategie überdenken, und beides muss zusammenpassen. Stellt nämlich die Soloflöte fest, dass ihr bei der neuen Bogenführung der Streicher die Luft auszugehen droht, muss eben die 60-köpfige Streichergruppe ihre Strategie anpassen. Es geht also nicht um die Macht des Stärkeren, sondern um gegenseitigen Respekt, um den Einsatz jedes Einzelnen für die anderen, um die Vorbildfunktion aller Orchestermitglieder.

Dass die verschiedenen Abteilungen miteinander reden, sei in Orchestern selbstverständlich – anders als in vielen Unternehmen, wie Christian Gansch süffisant anmerkte, der als Schallplattenproduzent auch den Unternehmensalltag erlebt hat. Konflikte würden im Orchester nicht unter den Teppich gekehrt, sondern respektvoll ausgetragen, denn nur so könne echte Harmonie entstehen.

Angesichts der internen Grabenkämpfe in vielen Unternehmen wäre es Christian Gansch nur zu wünschen, dass er seine Erfahrungen als Dirigent und Orchestermusiker möglichst oft in Vorträgen weitergeben kann.

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