2011 Juli 04

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Griechenlandkrise – Drei Fragen an …

von Barbara Boesmiller

…den Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Gerke. Der Experte für Geld-, Bank- und Börsenwesen sowie Mittelstandsforschung leitet das Bayerische Finanz Zentrum in München und findet deutliche Worte zur aktuellen Krisenpolitik.

Je länger die Griechenlandkrise andauert, desto heftiger wird der Streit zwischen Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern. Rund 100 deutsche Familienunternehmen fordern, Austritt und Ausschluss eines Euro-Landes müssten als letztes Mittel möglich sein. Ganz anders deutsche Spitzenmanager: Sie warnen vor einem Scheitern des Euro und haben in Zeitungsanzeigen weitere Staatshilfen für Griechenland verlangt. Herr Prof. Gerke, welchen dieser beiden Appelle würden Sie unterschreiben?

Die deutschen Familienunternehmen durchschauen die geschickte Lobby der europäischen Finanzwirtschaft, die erneut ihre Lasten ihnen bzw. dem Steuerzahler aufbürden möchte. Die deutsche Politik hat in der Griechenlandkrise versagt. Rechtswidrig hat sie zugelassen, dass die EZB zur Bad Bank für notleidende europäische Staatsanleihen gemacht wurde. Der EZB wurden damit unzulässig fiskalpolitische Aufgaben übertragen. Jetzt sieht sie sich als größter Gläubiger Griechenlands in ihrer Entscheidungsfreiheit behindert.

Für wie real erachten Sie Warnungen vor einem drohenden Staatsbankrott?

Die Warnungen treffen zu, denn ohne die Stützung des IWF und der Nachbarn wäre Griechenland zahlungsunfähig. Wir beobachten zurzeit eine bewusste Insolvenzverschleppung bis sich die Finanzwirtschaft zu Lasten der Öffentlichkeit weitgehend von ihren Griechenland Risiken befreit hat. Griechenland wird in eine dramatische Rezession gezwungen, die mittelständische Wirtschaft wird zerstört, und die Stützungsmittel werden für Zinszahlungen an die europäische Finanzwirtschaft eingesetzt.

Und worin liegt ihrer Meinung nach der Schlüssel zur Lösung der Krise? Der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber beispielsweise verlangt, dass die EU für alle Schulden Griechenlands bürgt.

Der Zeitpunkt für die beste Lösung wurde längst verpasst. Die von mir vorhergesagten Streiks traten leider ein, und die Stützungsmittel verpufften wie vorhergesagt. Dennoch bleibt ein Schuldenerlass, der Austritt aus dem Euro und ein gezieltes, streng kontrolliertes Aufbauhilfeprogramm immer noch die zweitbeste Lösung. Diese wird aber mit fortlaufender Insolvenzverschleppung für den Steuerzahler immer teurer, denn in der Zwischenzeit wurden zahlreiche Risiken auf die öffentliche Hand übertragen und über 40 Mrd. Euro von griechischen Banken abgezogen.

 

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